Das Netzwerk als Seilschaft

Die Piraten verstehen sich als Netzwerkpartei im Gegensatz zu den hierarchiegeprägten Altparteien. Im Netzwerk sind alle Knoten gleich, sie unterscheiden sich nur durch ihre Vernetzung voneinander. Die Vernetzung entsteht in einem chaotischen Lernprozess, der nur darauf zielt, die Gesamtleistung des Netzwerks zu verbessern.

Diese Betrachtung der Parteimitglieder als Neuronen eines Netzwerks, der Gesamtpartei als lebender Organismus ist eng verbunden mit dem Gründungsmythos der Piraten als Inkarnation des Internets, dieses Netzwerks der Freiheit, das jeden Eingriffsversuch von außen als technischen Defekt auffasst. Diese Schutzmechanismen schlagen in der Piratenpartei immer noch an, insbesondere wenn böse™ Begriffe wie „Quote“, „Delegierte“ oder „Proporz“ fallen.

Nun soll die Partei ja ihre Mitglieder (und Wähler) repräsentieren. Bei Parteitagen scheint das einigermaßen zu gelingen: Auch wenn ein Bias zugunsten der Mitglieder mit kurzer Anreise unverkennbar ist, ist der Parteitag nach meinem Eindruck eine leidlich repräsentative Stichprobe für die Gesamtpartei. Das Netzwerkprinzip scheitert jedoch regelmäßig an seiner Repräsentationsaufgabe, wenn es um Personalentscheidungen geht: In Vorstände und auf Listen werden häufig auffällig homogene Gruppen gewählt. Diese Gruppen repräsentieren den „Piraten-Mainstream“, mit der Folge, dass Piraten außerhalb dieses Mainstreams Gefahr laufen, der selektiven Wahrnehmung in dieser Gruppe zum Opfer zu fallen – völlig unabhängig davon, ob dieser Mainstream an bestimmten Meinungen, dem Geschlecht oder dem Wohnort festgemacht wird.

Während bei Vorständen regelmäßig argumentiert ist, dies falle nicht ins Gewicht, da der Vorstand ja reine Verwaltungsaufgaben habe, habe ich für die Zusammensetzung der Landtagsfraktionen bisher keine Bewertung gehört, die über ein „ist halt so“ hinausging. Das halte ich für fatal: Die Beteiligung an der politischen Arbeit der Fraktion hängt zu einem ganz wesentlichen Teil am persönlichen Kontakt mit den Abgeordneten.

Schauen wir auf das Beispiel Nordrhein-Westfalen: Die Landtagsfraktion repräsentiert ganz deutlich den Mainstream des Landesverbands, dessen Netzwerk sich auf das Ruhrgebiet konzentriert. Knoten außerhalb dieses dominanten Zentrums wie die frühen Hochburgen Aachen, Münster und Bonn sind lose an dieses Zentrum angebunden und untereinander nur über Knoten im Zentrum vernetzt. Das zeigt sich auf der Karte der „20 Piraten“ sehr eindrücklich: Bis auf zwei Kölner Abgeordnete und den ehemaligen Landesvorsitzenden aus Kleve konzentiert sich die Fraktion auf ein etwa 25 km schmales Band entlang der Ruhr. Diese 85% sind im Verhältnis zur Bevölkerung oder den Mitgliederzahlen eine deutliche Überrepräsentation. Dagegen ist der Regierungsbezirk Köln mit 25% der Bevölkerung und 27% der Mitglieder nur mit 10% der Abgeordneten präsent. Selbst wenn die Abgeordneten versuchen, den Kontakt mit Städten und Kreisen außerhalb ihres Wohnorts zu halten, ist diese Verteilung eine schwere Hypothek: Die Wege in Randregionen sind
schlicht zu weit, als dass sich ein MdL spontane Besuche zeitlich mehr als zwei, drei Mal im Jahr erlauben könnte.

Wenn wir dieser regionalen Konzentration auf das Ruhrgebiet nicht entgegenwirken, sehe ich ganz schnell einen neuen Konflikt in unserem Landesverband heraufziehen: Die Randgebiete werden sich sehr schnell ausgegrenzt fühlen. Nicht, weil da irgendeine böse Absicht dahinter steckte, sondern schlicht, weil es völlig normal ist, dass sich der Horizont eines Menschen auf seinen üblichen Aktionsradius beschränkt. Die Piraten im erweiterten Ruhrgebiet grenzen den Rest nicht aus, weil sie sich bewußt dafür entschieden hätten, sondern weil sie sie in ihrem politischen Alltag nicht wahrnehmen.

Ich habe keine Lösung. Auch ich habe Vorbehalte gegen Quoten und Proporzregelungen. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass Geographie in der Politik sehr wohl eine Rolle spielt und meiner Meinung nach sogar eine entscheidende Rolle für den Zusammenhalt des Landesverband spielt. Was könnten wir tun? Wichtig ist vor allem ein gesteigertes Bewußtsein. Darüber hinaus möchte ich aus dem Bauch heraus die Anregung in die Runde werfen, für die nächsten zwei, drei Jahre auf Parteitage im Ruhrgebiet zu verzichten und mit den Tagungsorten stattdessen durch die Randgebiete zu rotieren.

Und jetzt kreuzigt mich!

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8 Antworten zu Das Netzwerk als Seilschaft

  1. fm schreibt:

    Warum kreuzigen, der Text ist gut geschrieben u Du hast interessante Anmerkungen. Mir gefällt der Text, auch wenn mir die Perspektive ein bissl zu klassisch ist. In Schleswig-Holstein hatten wir mit Kiel als vermeintlichem Zentrum ein ähnliches Problem wie ihr u zwischendurch die gleichen Diskussionen über eine Kieler Dominanz. Hier fand ein ganz Bewusstmachungsprozess statt, den Du vllt für euch auch anstrebst. Die Landesparteitage gehen bei uns jetzt eher i d Regionen. Der glückliche Zufall hat uns eine sehr heterogene Gruppe Mandatspiraten aus fast allen Himmelsrichtungen i d Landtag gespült und die besuchen auch ständig die unterschiedlichen Piratentreffen. Unser Vorstand ist seit dem #LPTSH122 auch ein wenig besser verteilt. Das Internet u die entsprechende Bereitschaft der Leute haben das mgl gemacht. Manchmal hilft also schon Bewusstmachung eines Problems und mit Deinem Artikel machst Du einen Schritt dahin. Und über konkrete Maßnahmen hast Du ja nicht fabuliert.

    • bridgerdier schreibt:

      Ja, meine Sichweise ist sehr klassisch. Zehn Jahre SPD wirken da durchaus nach.

      Ich bin halt der Meinung, dass wir mit unseren Wahlverfahren tendentiell Listen bekommen, die keine repräsentativen Stichproben der Gesamtpartei sind. Außerdem geht es durchaus auch um Geld: Wir sind nunmal eine arme Partei. Abgeordnetenbüros wären in vielen Städten extrem wichtige Infrastruktur – wenn die MdL sehr ungleich verteilt sind, dann ergibt sich da auch schnell das Problem, wie viel wir dem einzelnen zumuten können. Bei 53 Kreisen und kreisfreien Städten hätten wir eine fast flächendeckende Versorgung, wenn jeder der 20 Abgeordneten sich um zwei Kreise kümmern würde. Faktisch muss sich z.B. ein Kölner MdL um fast den kompletten Regierungsbezirk kümmern.

      Entweder lassen sich die guten Leute verbrennen, oder wir nehmen in Kauf, dass in vielen Gegenden niemanden einen Abgeordneten kennt – mit den entsprechenden Hemmungen, Kontakt zur Fraktion aufzunehmen.

      • AnnaLuese schreibt:

        Hemmungen muss ja auch überwinden, wer erstmalig zu einem lokalen Stammtisch der jeweiligen Piraten vor Ort geht, danach sollte es eigentlich einfacher sein 😉
        Das Hemmnis besteht aber auch in der anderen Richtung – es ist nämlich gar nicht gesagt, dass wer Kontakt zur Fraktion aufnimmt, auch ein Feedback darauf erhält. Insofern bin ich schon ganz froh über den extensiven Einsatz von Mumble, das verwischt die Grenzlinien ein wenig.

  2. Pingback: Das Netzwerk als Seilschaft | Piraten | Scoop.it

  3. OegerPirat schreibt:

    Du hast trefflich die Bedeutung der Vernetzung unter den Piraten hervorgehoben. Eine Seilschaft ist dies noch nicht, die würde eine privilegierte Stellung der Beteiligten voraussetzen.
    Bei den Möglichkeiten der Vernetzung in der Partei, über die Tools, offenen Reallifetreffen, Parteitagen usw., ist es jedem Mitglied und Interessiertem möglich, sich einzubringen und zu beteiligen. Nur nutzen und darauf einlassen müssen sich halt möglichst viele Mitglieder.

    Das ist imho auch der Kern der „Neupiraten“-Phobie. „Neupiraten“ die dies nicht verinnerlicht haben und „Altpiraten“ die Vernetzung nur langsam für die neuen öffnen.

    Die regionale Benachteiligung sehe ich nicht. Der Aufstellungsparteitag z.B.war ja in Münster, einer Deiner Meinung nach benachteiligten Region.
    Vorteile hatten die Piraten, die schon durch ihre Arbeit bekannt waren und nicht durch ausfallendes Benehmen, Ignorierung der Tools, vertreten von Extrempositionen, Minderheitenmeinungen und anderem unpiratigem Verhalten, aufgefallen sind.
    Ein Kandidat, der seine Chancen erhöhen möchte, muß sich daher schon lange vorher um ausreichende Vernetzung und Ausarbeitung seiner Themen und Darstellung kümmern.

    Als Herausforderung für die Zukunft sehe ich daher, wie die Mitglieder es schaffen:
    – die Vernetzung zu erhöhen, ohne in der Informationsflut unter zu gehen
    – „Neupiraten“ einzubinden
    – den Anteil der aktiven Mitglieder zu erhöhen
    – offen zu bleiben und positive, sinnvolle und konsensfähige Lösungen anzustreben
    – und vor allem in den unterrepräsentierten Gruppen und Regionen mehrheitsfähige Kandidaten zu finden.

    • bridgerdier schreibt:

      Eine Seilschaft ist für mich eine Verbindung von Leuten, die Außenstehende ausschließt. Das passiert in unserer Partei nicht bewußt (nehme ich an), aber der ausschließende Effekt ist durchaus zu beobachten.

      Der Aufstellungsparteitag fand zu einem Zeitpunkt statt, als wir praktisch noch keine Landespolitik gemacht hatten – landesweit gab es eigentlich nur Strukturfoo, politische Arbeit gab es fast ausschließlich auf lokaler Ebene. Das hatte aber auch zur Folge, dass Leute, die gute Arbeit gemacht hatten, nur lokal bekannt waren. In dieser Ausgangssituation kam dann der Netzwerkeffekt voll zum tragen: Gute Leuten in zentralen Orten waren bekannter als gute Leute aus Randgebieten, die mindestens genauso gute Arbeit geleistet hatten.

      Mit Deiner Liste stimme ich weitgehend überein, nur im letzten Punkt möchte ich widersprechen: In den unterrepräsentierten Gruppen und Regionen *gibt* es mehrheitsfähige Kandidaten, sie sind nur außerhalb der Gruppe/Region nicht ausreichend bekannt. Hier kommt das beschriebene Wahrnehmungsproblem zum Tragen.

  4. Pompeius schreibt:

    Deine Argumentation ist nicht schlecht. Ich denke aber, dass durch das Internet ein Teil des Problems abgefangen wird. Ich muss eine Person nicht mehr persönlich treffen, um sie kennen. Ich kenne einige Parteimitglieder, die auf der anderen Seite der Republik wohnen, besser als jene um die Ecke.

    Du hast sicherlich insofern recht, dass eine Person vornehmlich dann von sich aus aktiv wird, wenn ihre eigene Lebenwelt betroffen ist. Ein Faktor hierbei ist sicherlich geographisch, andere – und vielleicht sogar die noch wichtigeren – sind sozialer Art. Ein Akademiker wird sich eher in Akademiker hineinfühlen, egal wo diese wohnen, als in einen Facharbeiter. Derartige Gefälle würde ich daher zuerst tackeln.

  5. Pingback: Piraten und die Beteiligung Teil 2 – Netzpartei ohne Firewall | Flaschenpost

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