Die Illusion der Sicherheit

Als ich gestern mit dem Fahrrad unterwegs war: Hatte ich einen Beinahe-Unfall: Ich war auf dem Radweg entlang einer Bundesstraße unterwegs, als auf dem Gelände eines Autohändlers ein Fahrzeug, das bis dahin mit dem Heck zur Fahrbahn stand, schwungvoll in einem Zug wendete. Wegen meines Schreis, eines waghalsigen Lenkmanövers und einigem Glück schaffte ich es, etwa 10 Zentimeter vor der Motorhaube zu bleiben.

Auf meinen Tweet dazu:

bekam ich diese Reaktion:

Mir zeigt sich hier überdeutlich, wie fest der Irrtum „Radfahrer sind nur auf getrennten Radwegen sicher“ in den Köpfen verankert ist.

Zur Sicherheit von Radfahrern (und Fußgängern) formulierte mein kalifornischer Gastbruder mal: „Most drivers don’t hav the guts to hit you“. Ein sehr wahrer Satz: In einer zivilisierten Gesellschaft sind die wenigsten Menschen bereit, wildfremden Personen vorsätzlich körperlichen Schaden zuzufügen. Darin steckt auch gleich die Antwort auf die Frage, warum dennoch so viele Fußgänger und Radfahrer im Straßenverkehr zu Schaden kommen: Auf Seite der Autofahrer steckt dahinter kein Vorsatz, sondern Unachtsamkeit. In den meisten Fällen werden die schwächeren Verkehrsteilnehmer schlicht nicht wahrgenommen, bis es zu spät ist.

Autofahren ist ein Prozess, auf deen der Mensch evolutionär nicht vorbereitet ist. Um die notwendigen Reaktionszeiten überhaupt zu ermöglichen, filtert das Gehirn die Sinneswahrnehmungen ganz massiv auf das unmittelbar relevente zusammen. Ein ganz großer Teil der Aufmerksamkeit konzentriert sich deshalb auf die Fahrbahn zwischen den beiden Bordsteinen. Shr deutlich zu erkennen ist dieser Effekt zum Beispiel bei geänderten Verkehrsführungen: Trotz einer Armada von Hinweisschildern auf den Kilometern davor nehmen die meisten Autofahrer die Veränderung erst unmittelbar am Ort des Geschehens wahr. Wenn die geänderte Verkehrsführung zB. ein geändertes Einordnen erfordert, dann ist es dort für eine adäquate Reaktion bereits zu spät und entsprechend chaotisch sind die Zustände, bis die Autofahrer sich an die Veränderung gewöhnt haben.

Was hat das mit Radwegen zu tun? Abgesehen von möglichen baulichen Unzulänglichkeiten würde man doch davon ausgehen, dass Radfahrer dort geschütz sind, oder? Nun, der Radweg selbst trennt die Radfahrer von Autoverkehr und damit auch von der Wahrnehmung der Autofahrer. An Straßenkreuzungen, Einmündungen und Grundstücksausfahrten begegnet der Radverkehr weiterhin dem Autoverkehr. Hier rächt sich aber die Konzentration der Autofahrer auf die Fahrbahn: Die Radfahrer tauchen erst unmittelbar vor dem Konfliktpunkt in der Wahrnehmung des Autofahrers auf. Viel zu oft ist es dann bereits zu spät, um zu bremsen, oder auszuweichen. Besonders unfallträchtig sind Radwege, die in beiden Richtungen befahren werden (wie es in Bonn z.B. im Bahnhofsbersch geplant ist): Ein rechts abbiegender Autofahrer rechnet fast nie damit, dass im ein vorfahrtsberechtigter Radfahrer entgegen kommt. Entsprechend ist das Unfallrisiko gegenüber dem Fahren auf der Fahrbahn um mehr als das zehnfache höher.

Fahren auf der Fahrbahn – ist das nicht gefährlich für Radfahrer? Siehe oben; die wenigsten Autofahrer werden bewußt ein Fahrrad anfahren. Auf der Fahrbahn (oder einem abmarkierten Schutzstreifen) befinden sich die Radfahrer.aber genau im Wahrnehmungsbereich der Autofahrer. Nebenbei kommt ein Radfahrer auf der Fahrbahn in der Regel schneller voran, als auf Radwegen, da ihn die vielen baulichen Schikanen der Radwege nicht betreffen und mit typischerweise 20-30 km/h relativ problemlos im Stadtverkehr mitgeschwommen werden kann.

Dass Verkehrssicherheit sich oft der Intuition widersetzt, spricht sich übrigens allmählich herum. Als Stichwort sei nur Shared Space genannt.

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Eine Antwort zu Die Illusion der Sicherheit

  1. Hier in Lannesdorf ist das was umgangssprachlich »Radweg« heißt meistens ein so genannter »Schutzstreifen«. Das Sinnbild Fahrräder ist dabei so weit ich es bislang gesehen habe (bin vorwiegend als Fußgänger unterwegs) nur an Kreuzungen vorhanden, so dass viele Autofahrer denken, dass die unterbrochene Linie Bereiche markiert, die zum Parken genutzt werden dürfen, zumal der Bürgersteig zu schmal ist, um darauf ein Fahrzeug vollständig abzustellen ohne Fußgänger erheblich zu behindern. Die meisten Autofahrer scheinen nicht zu wissen, dass auf diesen Schutzstreifen Parkverbot herrscht. Ich wurde schon von einem älteren Herrn als Arschloch bezeichnet, weil ich ihn fragte, ob es sein Ernst sei, dass er dort parken wolle (Deutschherrenstraße, ca. Hausnummer 140).

    Auch eine Beobachtung: Wenn ein Radfahrer keinen weiten Bogen um ein auf dem Schutzstreifen geparktes Fahrzeug macht, kommt es häufiger vor, dass PKWs sie dort überholen ohne auch nur die Hälfte des angemessenen Abstands zu halten, was nicht ungefährlich ist. Die Folge von solchen Gefahren ist, dass Radfahrer teilweise auf den Bürgersteig ausweichen, was wiederum für Fußgänger nicht ungefährlich ist.

    Vermutlich würde ein Entfernen der Markierungen die Verkehrssicherheit erhöhen.

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