Ein Scheissabend

Mal ein etwas anderer Beitrag, aber ich muss mir gerade etwas von der Seele schreiben. Was ist passiert?

(Warnung, unschöne Szenen)

Direkt nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus

Direkt nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus


Gestern (Samstag) Abend war ich in der Bonner Innenstadt unterwegs. Ingress. Ich marschiere also zwischen 22 und 23 Uhr mit dem Handy in der Hand über den Münsterplatz Richtung Sürst/Gangolfstraße (Kartenausschnitt) als ich hinter mir eine Gruppe höre, aus der einer was von Geld redet und ein anderer „Handy, Handy!“ sagt. Ich bekomme ein ungutes Gefühl und beschleunige meinen Schritt, eine dritte Stimme ruft „Halt“. Kurz darauf bekomme ich von hinten einen Schlag an die Schläfe, ein eher schmächtiger junger Mann beginnt wie von Sinnen auf meinen Kopf einzuschlagen. Ich kann ihn wegstoßen, dabei fällt mein Handy auf den Boden, an die Wand des Münsters. Jemand hebt es auf, hält es in meine Richtung, geht dann aber von mir weg, während der erste Angreifer mich erneut zu schlagen beginnt. Ich versuche ihn abzuwehren, ein anderer versucht mich festzuhalten. Ich kann mich losreißen, jemand nimmt den Angreife in den Schwitzkasten, wird seinerseits angegriffen. Inzwischen stehen 10-15 Leute um mich herum, ich kann zunächst nicht zuordnen, wer Angreifer, wer Helfer ist.

Schließlich löst sich die Situation auf, die Angreifer verschwinden, ich blute aus der Nase, einer der Helfer scheint ebenfalls verletzt. Auf meine Bitte bekomme ich sofort ein Handy mit gewählter 110 in die Hand gedrückt. Keine halbe Minute später ist der erste Streifenwagen vor Ort, nach kurzer Rücksprache steigt einer der Helfer auf die Rückbank und fährt den Angreifern hinterher. Ein anderer ruf mein Handy an, es klingelt, bis die Mailbox drangeht.

Ein weiterer Streifenwagen rauscht mit Blaulicht durch die Fußgängerzone, kurz darauf kommt ein dritter mit einem Rettungswagen im Schlepptau. Die Polizei nimmt Personalien auf, will eine Beschreibung der Täter und des Handys. Der verletzte Helfer und ich steigen in den Rettungswagen, werden untersucht. Ich höre was von „ein Handy wurde gefunden“. Einige Minuten später kommen Polizisten mit meinem handy (ohne seine Schutzhülle) in den Rettungswagen, ich entsperre es, der oberste Eintrag im Android-Telefonbuch zeigt meinen Namen und mein Foto. Die Polizei will es mitnehmen zur Spurensicherung. Es seien drei Personen festgenommen worden, polizeibekannt, acht Streifenwagen seien beteiligt. Mir wird dringend zu einer Anzeige geraten, ich habe den Eindruck, die Polizisten sind froh, den Tätern endlich mal was nachweisen zu können.

12 Stunden später

12 Stunden später

Der Krankenwagen fährt uns ins Petrus-Krankenhaus, der verletzte Helfer wird sofort behandelt, ich nehme im Wartebereich Platz. Mir ist etwas schwummerig als zwei Polizisten vorbeikommen, geben mir ein Aktenzeichen und eine Telefonnummer und einen Flyer „2 in 1 – Schadensersatz in Strafprozess“, wollen eine Unterschrift für die Anzeige, gehen dann in den Behandlungsraum. Nach einiger Zeit kommen zwei der Helfer vorbei zusammen mit der Freundin des Verletzten, die ihn besucht. Nach einiger Zeit kommt einer der Polizisten vorbei und sagt, dass mittlerweile fünf Personen festgenommen wurden, das Wort „Intensivtäter“ fällt. Die Helfer äußern das Bedürfnis nach Selbstjustiz, ich bin da seltsam gelassen.

Nachdem auch ich ärztlich versorgt bin steht fest: Prellung der Nase, ein Cut unter dem Auge, gerade noch klein genug, dass nicht genäht werden muss, eine dicke Beule an der Schläfe, Kopfschmerzen, aber alles in allem ein glimpflicher Ausgang. Lästig ist nur, dass mein Handy bis mindestens Montag in Ramersdorf liegt und keines meiner Altgeräte einen Mucks von sich gibt.

So schlimm die Geschichte auch ist, in gleich mehreren Punkten habe ich richtiges Glück gehabt: Von den Räubern hat mich nur einer aktiv angegriffen, war dabei nicht einmal sonderlich geschickt und Waffen waren auch keine im Spiel. Zusätzlich waren reichlich Passanten vor Ort von denen mehrere sofort eingegriffen haben. Hinterher dann das massive Polizeiaufgebot in kürzester Zeit, so dass sich auch der materielle Schaden für mich voraussichtlich in engen Grenzen halten wird (Schutzhülle weg, USB-Kabel Schrott).

Etwas weniger glücklich stimmt mich die Überlegung, wie ich der Situation hätte entgehen können oder ihren Ausgang noch glimpflicher gestalten könnte. Da fällt mir nämlich genau gar nichts ein. Wäre ich sofort losgespurtet, hätte ich möglicherweise entkommen können, andererseits wäre ich dann in deutlich unübersichtlicherem Gelände mit weniger Passanten gelandet. Jegliche Art von Bewaffnung wie etwa Pfefferspray hätte nichts geholfen, weil der Angriff plötzlich von hinten kam und ich ab diesem Moment ständig beide Hände damit beschäftigt hatte, Schläge abzuwehren. Für mich bleibt eigentlich nur die Überlegung, mich mal wieder mit den Themen Fitness und Selbstverteidigung auseinanderzusetzen, auch wenn ich nicht glaube, dass mir das in der konkreten Situation wirklich weitergeholfen hätte.

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8 Antworten zu Ein Scheissabend

  1. Gute Besserung! Überlege Dir, mal bei der Opferhilfe des Weissdn Rings anzurufen. Auch wenn es Dir nun vielleicht gut geht, ein Trauma kann zurückbleiben.

  2. bugspriet schreibt:

    Ja, das ist ne gute Idee, sich da mal Beratung zu holen.

    Und, nein, mehr hättest Du nicht tun können. Sportarten zur Selbstverteidigung zu betreiben, ist allerdings immer gut. Einerseits der Fitness halber, wenn einem nur der Büroalltag auf die Wirbelsäule drückt, andererseits schützen Muskeln auch vor schwereren Verletzungen und gut trainierte Reflexe sind bei Angriffen, ode selbst bei Unfällen oder Stürzen auch nicht zu verübeln.

  3. bugspriet schreibt:

    Ich werfe mindestens noch ein r und ein Komma hinterher.

  4. Mordechai schreibt:

    So schlecht kann keiner Resos setzen, dass er so etwas verdient hat! (scnr.)

    Im Ernst: Gute Besserung!

  5. Zweifler schreibt:

    Von mir auch gute Besserung. Ich wünsche niemanden, in eine solche oder ähnliche Situation zu kommen – mir selber auch nicht. Die Bonner Polizei hat ja anscheinend recht gut reagiert. Mal schauen, wie es am Ende ausgeht – du muss ja wahrscheinlich als Zeuge vor Gericht erscheinen. Die Ratschläge zur Dokumentation des Gesundheitszustand in Bezug auf spätere Folgen sind sicher nicht schlecht.

  6. bridgerdier schreibt:

    Vielen Dank für die guten Wünsche.

  7. keibertz schreibt:

    Hatte beim Ingress Spielen mitten in der Nacht auch schon hin und wieder ein etwas seltsames Gefühl. Aber bisher ist noch nie etwas passiert. Aber wie man an diesem Artikel sehen kann, müssen einem leider nur die falschen Gestalten über den Weg laufen.
    Finde es echt toll, dass sich absolut unbeteiligte Passanten so für dich eingesetzt haben und selbst eigene Verletzungen in kauf genommen haben. So ein Glück hat man bestimmt nicht immer …
    Gute Besserung !

  8. archangelos667 schreibt:

    Gute Besserung erst mal und den heissen Tip, dass alle ‚Waffen‘ wie Pfefferspray etc. auch gegen dich verwendet werden können – Finger weg davon!

    Treib lieber Sport (Laufen!), wegrennen ist keine Schande bei mehreren Angreifen! Wenn du fit bist (!!!!!) reicht es oftmals den ersten KO zu setzen, der zweite uberlegt dann meistens erst – deine Chance abzuhauen!

    Kampfsport funktioniert erst nach Jahren harten, regelmäßigen Trainings!

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